Namen – mehr als Schall und Rauch

Ich bin immer noch bei den Figuren. Und darüber gäbe es noch eine Menge zu sagen. Denn wenn die Figuren ihre Leser nicht in den Bann ziehen, ist die halbe Miete verschenkt. Jedenfalls meiner Meinung nach. Und zu den Figuren gehören eben auch die Namen.

Ich weiss nicht, wie oft mein Verleger mir diesen Satz gepredigt hat: Namen sind mehr als Schall und Rauch. So oft, dass ich das irgendwann nicht mehr hören konnte. 😉 Ich habe mich mit ihm schon um einige Namen gestritten. Manchmal gewann ich, manchmal gewann er, und jedes Mal, wenn ich nun ein Buch abgebe, bibbere ich, dass er mir wieder ein paar Namen umtaufen will 🙂 Nein – Spass beiseite, so schlimm ist es nun auch wieder nicht: Das kam bis jetzt nur ein einziges Mal vor. Und dies dann in gutem Einvernehmen.

Aber er hat Recht: Namen sagen mehr über eine Person aus, als einem lieb ist. Stell Dir vor, Domenico hätte Hyronimus oder Gustav geheissen – da braucht es keine weiteren Erklärungen mehr. Ich glaube nicht, dass sich dann so viele junge Leserinnen in Domenico verliebt hätten 😉

Aber wie sucht man sich den Namen für seine Figuren aus? Natürlich ist das sicher erst mal eine Frage des persönlichen Geschmacks. Wieder einmal kann ich in erster Linie aus meinen eigenen Erfahrungen berichten.

Ich werde nie den Tag vergessen, als der Fantasiejunge, über den ich mir nachts im Bett dauernd Geschichten ausdachte, endlich seinen Namen kriegte. Ich war damals etwa zwölf, sass im Klassenzimmer und hörte, wie ein Junge sich aus dem Fenster lehnte und „Hey Domenico“ hinunter in den Pausenhof rief. In dem Augenblick, der mir wie eine Offenbarung schien, wusste ich, dass der Junge aus meiner Geschichte fortan Domenico heissen würde. Und so ist es bis zum heutigen Tag geblieben.

Es gibt Namen, die kommen einfach, und man muss nicht lange danach suchen. So geschah es bei Morgan (Momo) aus Time Travel Girl. Als ich ihn vor mir sah, mit seinen braunen Locken und den schönen Augen, kam der Name gleich automatisch mit. Es gab gar keine Diskussion mehr. Es mag vielleicht interessantere Namen geben, aber wenn so etwas passiert, dann lasse ich es zu und feile nicht mehr lange daran herum. Denn dann denke ich immer, dass es einen Grund gibt, warum die Figur so heissen soll.

Aber oft kommt es vor, dass ich auch lange nach einem Namen suchen muss, bis ich endlich zufrieden bin. Maya zum Beispiel. Ich habe sie damals, als ich zwölf war und die ersten Aufzeichnungen von Maya und Domenico machte, mehrmals umgetauft. Zuerst hiess sie nämlich Manuela, aber der Name schien mir zu „stark“ für sie. Der Name sollte zu einem sanften, sensiblen Mädchen passen.
Ähnlich ist es bei Zac (Time Travel Girl) gewesen. Ich hatte eine ganze Palette Namen vor mir: Zachary, Levi, Matthew, Victor und noch ein paar mehr – was dann auch dazu führte, dass er gleich drei Vornamen bekam. Ihn habe ich im Laufe des Schreibens etwa dreimal umgetauft, bis ich endlich zufrieden war.

Es ist nicht immer einfach zu bestimmen, wann ein Name wirklich ins Schwarze trifft. Wie ich schon sagte, ist es oft eine Frage des persönlichen Geschmacks. Die besten Namen sind, würde ich meinen, die, die sich aus irgendeinem Grund so einprägen, dass man sie nicht mehr vergisst. Und das müssen nicht einmal immer ausgefallene Namen sein. Man denke an Harry Potter – ein Name, den jedes Kind kennt. Ist das ein besonders ausgefallener Name? Nein. Aber J.K. Rowling hat es geschafft, daraus etwas Besonderes zu machen.

Gehe einmal all die grossen Namen in der Literatur und aus der Filmwelt durch und analysiere, warum sich diese so eingeprägt haben: Harry Potter. Ron Weasley. Frodo Baggins. Luke Skywalker. Katniss Everdeen. Gandalf. Dumbledore. Elizabeth Bennet. Bella Swan. Edward Cullen. Und wie sie alle heissen. Was macht diese Namen so besonders? Die Antwort musst Du selber finden, da auch ich sie Dir nicht hundertprozentig geben kann. Letzten Endes musst Du selber ein Gespür dafür entwickeln.

Natürlich hängt es stark davon ab, wo und wann Deine Geschichte spielt. Gandalf und Dumbledore sind beide Zauberer. Natürlich wäre es abartig komisch, wenn nun ein älterer Herr aus dem normalen Alltag den Namen „Gandalf“ tragen würde. Katniss Everdeen ist ein Mädchen, das in einer fernen Zukunft lebt. Kein Mädchen aus der heutigen Zeit heisst vermutlich so. Ist Deine Geschichte ebenfalls in einer unbekannten Zukunft angesiedelt, kannst Du mit den Namen so ziemlich anstellen, was Du möchtest. Du kannst selber welche erfinden. Dasselbe gilt auch im Fantasybereich. Aber wenn Deine Geschichte im täglichen Leben spielt, dann empfehle ich Dir natürlich, auch passende Namen zu finden, die in der heutigen Zeit gebräuchlich sind. Aber das zu erwähnen ist ja eigentlich überflüssig, oder? 🙂

Was ich persönlich immer gerne mache, ist, meinen Figuren Spitznamen zu geben. Domenico hat gleich drei abbekommen: Nico, Nic und Nicki, wobei fast nur Maya ihn Nicki nennt (und furchtbar eifersüchtig wird, als sie feststellt, dass ein anderes Mädchen denselben Spitznamen für ihn benutzt). Morgan wurde von seiner Mutter früher „Momo“ genannt, und das hat einen bestimmten Grund (den ich hier nicht verrate). Lisa wird von ihren Freunden „Lee“ gerufen, was ihr später, wenn sie in der Zukunft landet, noch sehr nützlich sein wird. Und Maya bekam von Domenico den Namen „Principessa“ verpasst und dazu noch eine Menge mehr italienischer Kosenamen. Du siehst, es macht grossen Spass, mit den Namen zu spielen 🙂

Eine grosse Hilfe sind natürlich die Namensverzeichnisse, die Du auf dem Internet finden kannst. Ich benutze sie fleissig. Dort kannst Du sogar die Bedeutung der Namen nachlesen, was unter Umständen wichtig für die Geschichte sein kann.

Einen Rat möchte ich Dir noch geben, und den habe ich von meinem Lektor. Ich hatte mich zuerst gegen diesen Rat gesträubt, doch irgendwann bin ich da tatsächlich selber  beim Lesen darüber gestolpert und musste einsehen, dass er wieder mal Recht hatte: Wenn Du mehrere Nebenfiguren hast, die zudem noch alle fast an gleicher Stelle zum ersten Mal auftauchen, versuch, allzu ähnlich klingende Namen zu vermeiden. Wenn in Deiner Geschichte auf einmal zwei Jungen dastehen, die beide mit A beginnen und auch noch ähnlich lange Namen haben – zum Beispiel Adrian und Arthur – wird der Leser ein paar Seiten weiter seine liebe Mühe haben, die Namen auseinanderzuhalten. Bedenke, dass viele Leser die Seiten nur so überfliegen – gerade, wenn das Buch spannend ist. Es ist daher hilfreich, sich Namen auszudenken, die gut einprägsam sind. Gerade wenn es um Nebenfiguren geht, versuche ich, darauf zu achten, dass die Namen mit unterschiedlichen Buchstaben beginnen. Oder dass sie zumindest nicht alle gleich lang sind. Anton und Archimedes zum Beispiel lassen sich sicher leichter auseinanderhalten als Adrian und Arthur. Wenn es sich gar nicht vermeiden lässt, dass zwei Figuren einen ähnlichen Namen haben (und das ist durchaus legithim), dann hilf Deinen Lesern damit, dass Du die Figuren sehr gut und deutlich einführst und auch einen hilfreichen Link zu den Namen mitlieferst. Zum Beispiel trägt Arthur immer altmodische Kleidung, was auch zu seinem Namen passt, während Adrian der nette Junge von nebenan ist und eine Baseballmütze trägt. Dann hat der Leser bereits eine Verbindung zu den Charakteren: Aha, Arthur ist der etwas altmodische Nerd, und Adrian der nette Nachbarsjunge. Das wird dem Leser schon ungemein helfen, nicht immer wieder über die Namen zu stolpern.

Und sonst – wie gesagt: Lass Deine Fantasie walten. Gerade die Namensgebung der Figuren ist etwas vom Schönsten am Geschichtenschreiben, finde ich 🙂

Letzte Änderung: 2. Juni 2017