Die Sache mit den Klischees

Klischees. Ein so mit Vorurteilen beladener Begriff. Klischees sind Monster in der Literatur, und man muss sie meiden, so gut es geht.

Falsch.
In der Filmschule haben wir gelernt, dass Klischees an und für sich überhaupt nicht schlecht sind. Ob wir wollen oder nicht, aber sie haben eine ganz bestimmte Eigenschaft: Sie funktionieren immer wieder. In der Literatur, im Film, in der Musik. Und warum? Weil wir uns an dem orientieren, was uns vertraut ist. Womit wir uns identifizieren können. Klischees funktionieren, das wissen auch die grossen Filmemacher. Oder warum folgen sonst die meisten grossen Blockbuster demselben Strickmuster? Oder warum klingt die Musik in den Charts fast alle gleich? Weil es eben das ist, was wir kennen. Etwas völlig Unbekanntem würden wir nicht so leicht die Tür öffnen.
Die menschliche Psyche hat nun mal gewisse Verhaltensmuster, und im tiefsten Innern tickt jeder Mensch gleich.

Aber – und jetzt kommt das grosse „klischeehafte“ ABER:
Nun gibt es da eben schon ein paar Tücken mit diesen Klischees.

Ich bin gerade auf der Suche nach einem neuen Buch, das ich mir neben dem Schreiben mal wieder reinziehen könnte, und lade mir dafür unzählige Leseproben von Fantasybüchern auf mein Kindle. Ich lese gern Fantasy, mein allererstes Fantasybuch war „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende. Ja, damals in meiner Jugend gab es noch nicht so wahnsinnig viele Fantasybücher wie heute. Fantasy ist heutzutage der Renner schlechthin in Sachen Jugendbücher, und besonders Trilogien überfluten den Markt. Jugendliche fahren eben auf Fantasy ab. Nun, ich kann das verstehen, ich bin selber ein erwachsener Teenager. Nur, was mir da geboten wird, schreit grösstenteils schon fast wieder nach einer Revolution.

Versteh mich nicht falsch: Es gibt einige Klasse Bücher. Aber wenn ich mich durch die Leseproben ackere, fällt mir immer wieder das gleiche Muster auf: Unscheinbares, unbeholfenes Mädchen, meistens mit einer besonderen Gabe, von der sie nichts weiss, verliebt sich in den super aussehenden Boy, der irgendeine göttliche, vampirische, überirdische oder sonsteine Herkunft hat. Und natürlich verliebt sich dieser Boy auch in das unscheinbare Mädchen. Und das unscheinbare Mädchen ist im Grunde genommen superhübsch (nur weiss sie es nicht), oft mit feuerrotem Haar und grünen Augen. nicht selten hat sie eine geheimnisvolle Grossmutter, die über irgendwelche Naturheil- oder Zauberkenntnisse verfügt, oder eine verschollene Mutter, die ebenfalls ein Geheimnis hatte.

Dann der Junge: Seit Edward Cullen aus Twilight haben alle Jungs irgendwie zimtfarbenes oder kupferfarbenes Haar und sind natürlich wunderschön (oh … Domenico übrigens auch, ich weiss, ich weiss … wobei ich ehrlich sagen darf, dass die Herkunft von Domenicos Haarfarbe aus einer anderen Inspirationsquelle herrührt.).

Und dann hat das Mädchen meistens eine taffe, beste Freundin, die die Kummertante spielt und sowieso immun ist gegen die Liebe.

Nun will ich da nicht alles in einen Topf rühren, denn einige dieser Geschichten funktionieren trotzdem gut und sind genau deswegen spannend. So lange die Story das gewisse Etwas hat und mich in den Bann zieht, darf sie sich gern alle dieser Klischees bedienen. Und ja, ich benutze sie ja selber. Ist nicht Maya und Domenico die klischeehafteste Kombination überhaupt? 🙂 Good girl verliebt sich in Bad boy. Und natürlich sieht Domenico, der Bad boy, umwerfend gut aus. Logo. Und in Time Travel Girl ist Lisas beste Freundin Britt ebenfalls ein taffes Mädel, ja. Und natürlich ist der Wissenschaftler, der die Zeitmaschine erfindet, ein verrückter Nerd. Und selbstverständlich ist Momo ein schöner Junge, der von vielen begehrt wird.
Selbstverständlich. Alles Klischees.

Und ich sagte ja schon oben, dass Klischees an und für sich gar nicht verkehrt sind.
Es kommt nur darauf an, wie Du sie einsetzt. Gerade jetzt, wo praktisch jeder ein Buch schreiben und veröffentlichen kann, ist es umso wichtiger, sich von der Masse abzuheben. Und ich weiss, dass viele von euch gerne schreiben würden. Und das ist toll! Schreiben ist nicht nur gesund für die Seele, sondern setzt so viele spannende Gedankenprozesse in Gang.

Und das mit den Klischees gilt natürlich nicht nur für Fantasy. Das gilt für Krimis, Liebesromane, Science-Fiction und so weiter. Auch dort wirst Du im Prinzip immer wieder dieselben Muster finden. Und sie funktionieren auch, wenn sie gut eingesetzt werden.

Vielleicht kann man das ein bisschen mit Kochen vergleichen: Natürlich kochst Du eine Tomatensuppe mit Tomaten, klar. Und zu Spaghetti gibst Du normalerweise Salz und keinen Zucker. Also: Nimm die Zutaten, die funktionieren und die Dir lieb sind, aber gib dem Ganzen noch eine besondere Würze dazu. Vielleicht mal Chiligewürz mit ins Spaghettiwasser geben?

Zum Beispiel: Domenico sieht umwerfend gut aus (und hat kupferfarbenes Haar!!), aber er hat vom Rauchen furchtbar hässliche Zähne. Momo hat schöne Augen und seidige braune Locken, aber er ist fünf Zentimeter kleiner als Lisa. Maya liebt Strassenlaternen. Und Lisa? Die ist ein Technik-Freak, will am liebsten programmieren und fährt Skateboard.

Will heissen: Bedien dich gerne der Klischees. Nimm dir davon, so viele du willst. Aber benutz sie auf eine intelligente Weise. Lerne, sie gekonnt und richtig dosiert einzusetzen und kombiniere sie auch mal mit was Neuem. Mit etwas ganz Einzigartigem. Fordere Deine Leser ruhig ein wenig heraus. Sie werden hinterher viel länger an Dein Buch denken und es nicht wieder in der Flut aller anderen Bücher vergessen.
Gib Deinem zimthaarigen Jungen doch noch irgendwas Besonderes. Etwas, was nur er hat. Zum Beispiel einen zu gross geratenen Leberfleck auf der Wange? Na, Du wirst schon was finden. Oder vielleicht ist der Held der Geschichte ja zur Abwechslung mal kurzsichtig und trägt eine Brille? Harry Potter lässt grüssen. Auch ein paar originelle und witzige Eigenschaften schaden nicht. Es muss nämlich nicht immer alles nur schön sein. Im wahren Leben ist auch nicht immer alles schön. Vielleicht ist die beste Freundin eben mal nicht hübsch und draufgängerisch, sondern schüchtern und introvertiert? Oder vielleicht hat sie ein Handicap? Warum denn auch nicht? Mach sie menschlich. Man wird sich viel besser an sie erinnern, glaub mir 🙂

Letzte Änderung: 17. Mai 2017