Hauptfiguren sind wie Kinder

Ah, jetzt kommen wir zu einem meiner Lieblingsthemen: Figuren erschaffen! 😀 Das liebe ich am meisten an der ganzen Schreiberei. Das ist auch der Grund, warum ich überhaupt mit dem Schreiben angefangen habe.

Es gibt natürlich eine Menge Wissenschaft über das Erschaffen von Figuren. Damit eine Geschichte überhaupt funktionieren kann, braucht es ein Zusammenspiel von unterschiedlichen Charakteren, die alle ihre eigene Stimme in der Geschichte haben.  Protagonisten, Antagonisten, Beschützer, Mentoren, Feinde, Kritiker und so weiter. Dazu komme ich dann in einem anderen Tutorial. Hier soll es jetzt erst mal um Deine Hauptfigur gehen, um die sich ja die ganze Geschichte dreht. Ich erzähle Dir aus meinen persönlichen Erlebnissen, wie ich meine Hauptfiguren erfunden habe oder wie sie sogar selber zu mir gekommen sind.

Wenn Du die Herzen Deiner Leser gewinnen möchtest, dann muss die Hauptfigur jemand sein, von der sich die Leser verstanden fühlen.  Ich würde sogar behaupten, dass eine gute Geschichte vor allem von ihren Figuren lebt. Die beste Handlung hinterlässt nicht halb so viel Eindruck, wenn keine Sympathie für die Hauptfigur aufkommt. Wenn ich ein Buch lese und nicht mit der Figur mitleiden, mitfiebern  und sie ins Herz schliessen kann, und wenn sie mir nicht aus den Seiten springt und sich in mein Alltagsleben einschleicht, dann lege ich ein Buch bald zur Seite. Das hört sich vielleicht krass an, aber Du verstehst, was ich meine 🙂

Du fragst Dich nun: Wie erschaffe ich denn solche Buchfiguren?

Ich behaupte: Wenn Du wirklich Buchfiguren erschaffen willst, die die Herzen Deiner Leser erobern, dann musst Du Dich zuerst selber in sie verlieben. Das mag jetzt etwas kitschig klingen, aber nur, wenn Du selber für etwas oder jemanden «brennst», kannst Du voller Leidenschaft davon erzählen.

Vielleicht inspirieren Dich meine persönlichen Erlebnisse, die ich mit Maya, Domenico, Lisa und Momo hatte.

Fangen wir mit Maya und Lisa an. Maya ist die Hauptstimme in «Maya und Domenico», während Lisa die in «Time Travel Girl» ist – das Zeitreisemädchen eben. Beide, Maya und Lisa, sind sehr unterschiedlich,  und doch haben sie etwas gemeinsam: Die Suche nach wahrer Liebe und nach ihrem Platz im Leben. Und da ich es am Einfachsten finde, über etwas zu schreiben, das mir selber nahe steht, bekamen sowohl Maya wie auch Lisa eine ordentliche Portion von mir selbst ab. Maya spiegelt meine Schüchternheit und Sensibilität wieder, die besonders in den Teenagerjahren stark an mir haftete. Sie ist nah am Wasser gebaut, wie ich auch, und sie kann sich nicht so richtig gegen Gleichaltrige durchsetzen. Das konnte ich auch nicht.

Allerdings gab ich Maya nicht alles von mir ab, den anderen Teil von mir sparte ich nämlich für Lisa auf.  Sie bekam die jungenhafte, weniger brave Seite von mir. Die Seite, die sich für Computertechnik interessiert, ihr Zimmer nicht aufräumt, Skateboard fährt und oft mit Jungs besser zurechtkommt als mit Mädels. Allerdings muss ich zugeben, dass sie einiges mutiger ist als ich. Sie tut und spricht Dinge aus, die ich oft nur denke und von denen ich mir wünschte, ich hätte den Mut, sie zu tun.  Deswegen macht es umso mehr Spass, einem Buchcharakter Eigenschaften zu verleihen, über die man selber gern verfügen würde.

Beide, Maya und Lisa, sind übrigens in meiner Jugendzeit entstanden. Ich hatte die Schubladen voll mit verschiedenen Geschichten, und dort drin schlummern noch andere Figuren vor sich hin, die noch gar niemand kennt 🙂

Kommen wir noch zu den männlichen Protagonisten. Der Titel «Maya und Domenico» macht ja deutlich, dass es sich um zwei Hauptfiguren handelt. Da wäre also Domenico, und seine Entstehungsgeschichte hat ungefähr zwanzig Jahre gedauert. Er war sogar noch vor Maya da, und er ist eigentlich aus zwei Zeichentrickfiguren entstanden (welche, bleibt mein Geheimnis). Aus dieser Mixtur ergab sich ein geheimnisvoller Junge, der sich für die Schwächeren einsetzte, jedoch selber ein dunkles Geheimnis hortete. Später bekam der Junge seinen Namen, Domenico (der Namensgebung werde ich auch ein Extra-Kapitel widmen, darauf freue ich mich schon!). Sein Aussehen wurde geprägt durch meinen Lieblingssänger (wer in den Achtzigerjahren Teenager gewesen ist, mag erraten, wer das war), und sein Charakter formte sich durch verschiedene Menschen, die mir im Laufe der Zeit begegnet sind. Der Platz würde hier nicht reichen, um auf all diese Details einzugehen, doch ich glaube, ich habe keine Figur, die eine so eine lange und intensive Entstehenungsgeschichte hatte wie Domenico.

Und dann gibt es noch Momo (richtig Morgan). Er ist ebenfalls einer der Hauptcharaktere in «Time Travel Girl», und seine Entstehungsgeschichte ist das krasse Gegenteil von Domenico. Was sich bei Domenico über Jahre hinwegzog, kam bei Momo innerhalb weniger Wochen. Ehrlich gesagt hatte ich am Anfang noch nicht einmal so eine grosse Rolle für ihn vorgesehen. Aber als ich die Figuren meiner neuen Buchserie zu zeichnen begann (das mache ich manchmal, weil es mir hilft, sie dann deutlicher vor mir zu sehen), sah ich Momo an und bekam auf einmal Mitleid mit ihm, weil er irgendwie verloren wirkte. Und während des Schreibens begann er mir auf einmal aus den Seiten zu springen und guckte mich mit seinen schokoladebraunen Augen an, und ich hatte nicht einmal die Erlaubnis, mir einen Namen für ihn auszudenken, weil er einfach Morgan hiess. Da gab es keine Diskussionen mehr. Er war also eine Figur, die ich nicht gesucht habe, sondern die einfach zu mir gekommen ist.

Wie Du siehst, können Figuren auf ganz unterschiedliche Art und Weise das Licht der Welt erblicken. Wenn Du eine Geschichte schreiben willst, sind sie quasi Deine Kinder. Behandle sie daher gut, liebe sie und hab Freude an ihnen – denn dann fangen sie bald an, Dir aus den Seiten zu springen 😀

Letzte Änderung: 6. Mai 2017